Verdienstkreuz für die Antifa

Alex Demirović über das Recht auf Gegenwehr

nd-aktuell, 29.03.2026

Ich erinnere mich, dass 1966, als ich in der 9. Schulklasse war, zwei Jungens damit begannen, morgens mit Hitler-Gruß den Klassenraum zu betreten. Sie trugen als Gürtel auch eine SS-Koppel. Diese historischen Bezüge ermächtigten sie, in der Klasse eine Art Terror-Regime zu begründen. In jeder Pause, vor allem den kurzen Pausen und bevor die Lehrer*innen das Klassenzimmer betraten, schikanierten sie Mitschüler, bedrohten, schubsten, schlugen zu, waren hämisch und versuchten mit einem kleinen Erfolg, eine Anhängerschaft zu rekrutieren. Immer wieder wurden zwei oder drei andere Jungens zum Objekt der Aggression gemacht. Es machte sich ein eingeschüchtertes und beschämtes Klima breit, man wurde zum Zuschauer von Gewalt und immer musste man erwarten, selbst Opfer von Angriffen zu werden. So sah man sich gezwungen zu überlegen, ob man ausweichen oder wann das Maß der Drangsaliererei so weit überschritten war, dass man sich körperlich wehren und selbst vielleicht angreifen müsste.

Einige von uns traten an die Klassenlehrerin heran, diesem Terror etwas entgegenzusetzen. Sie gab uns das Gefühl, dass sie sich nicht einmischen würde. Sie tat das als einen Streit unter Jungens ab. Sie war Lehrerin, sie verkörperte den Staat, sie stand neutral über den Parteien. Sie lebte auch in dem Dorf, aus dem diese beiden Jungens kamen. Da gab es keine Ermahnungen, keine Schulkonferenz, keinen Skandal. Dabei war diese Lehrerin nicht unsensibel für die Geschichte des Nationalsozialismus. Er war Schulstoff, ausführlich wurde über die Weimarer Republik, ihren Niedergang, das Dritte Reich, den Krieg, die Ermordung der Juden sowie die Folgen, nämlich die Teilung Deutschlands, gesprochen. Auch dass es Widerstand gab, war Thema: der nationale, religiös motivierte, konservative Widerstand. Einmal fuhren wir zu einem der Frankfurter Auschwitz-Prozesse, es fand auch ein Gespräch mit einem der Staatsanwälte statt, auf das wir vorbereitet wurden.

Ein kleiner Teil von uns Mitschülern hat sich zusammengetan. Wir verabredeten uns, dass wir nicht weiter zuschauen, uns diesen Terror nicht länger bieten lassen wollten. Wir sprachen die beiden Schläger an und drohten ihnen mit entschiedener, gemeinsamer Gewalt. Es ging ein bisschen hin und her, aber am Ende wirkte es. Die Angreifer spielten die Geschichte heruntergespielt, machten sich hämisch lustig, aber hörten auf. Die elementare Antifa war erfolgreich.

Wir hatten uns also verschworen, nach aktuellen politischen und rechtlichen Einschätzungen bildeten wir eine kriminelle Vereinigung, denn wir hatten vereinbart, dass wir auf die täglich erfahrene Gewalt mit Gegengewalt reagieren würden.

In jüngerer Zeit wurden Antifa-Gruppen von der ungarischen oder der US-Regierung als terroristische Vereinigungen eingestuft. Etliche Antifa-Aktivist*innen wurden in Deutschland vor Gericht gestellt, manche auch in Ungarn. Sie erhielten erhebliche Haftstrafen. Diese Urteile wurden nicht deshalb gefällt, weil ihnen im Einzelfall eine gewalttätige Handlung nachgewiesen werden konnte, sondern weil die Personen einer kriminellen Vereinigung zugerechnet wurden. Juristisch wurden sie unter diesem Gesichtspunkt mit der organisierten Kriminalität gleichgesetzt. Einer der Richter meinte, es habe für die von ihm Verurteilten keine Situation der Notwehr bestanden. Ein bemerkenswerter Satz, weil er in seiner Wohlanständigkeit ein erhebliches Maß an Realitätsblindheit zeigt und auf die Untauglichkeit des juristischen Modells hinweist. Manche der Aktivist*innen werden dem Budapest-Komplex zugerechnet. Das wäre also eine Antifa, die nach Budapest gefahren ist, um sich denjenigen entgegenzustellen, die dort den Tag der Ehre feiern, also die Ehre derjenigen, die an der Verfolgung und Ermordung von Juden und Jüdinnen, an Russen und Polen, an Linken und Widerstandskämpfern beteiligt waren. Die offene Feier des Faschismus ist in einem EU-Staat möglich und wird von Regierungen und Regierungsparteien unterstützt.

Die Notwehr und die Selbstverteidigung finden aber auch auf dem Weg statt, dass man sich gegen die Einschüchterung, gegen die Bedrohung, gegen die alltäglich eintretende Gewalt wehrt. Weil es die Antifa gibt, weiß man seit Jahrzehnten von den Neonazi-Gruppen, Wehrsportgruppen, Mixed-Martial-Art-Camps, die auf Gewalt und Töten trainieren, die Linke ausspionieren und sie tätlich angreifen und mit denen verbunden sind, die in den Landesparlamenten und im Bundestag Mandate haben. Der Staat, die Polizei kann nicht schützen, denn erst müsste der Überfall, die körperliche Verletzung stattgefunden haben. Auch dann wäre zweifelhaft, dass die Täter von der Polizei verfolgt würden. Wie sollte diese das bewerkstelligen – also die Vorbereitung und das Training von Gewalt, die anonymen Anschläge, die Drohungen auf demokratische Politiker*innen und linke Aktivist*innen zu verhindern?

Letztlich beginnt der Widerstand schon sehr viel früher, in der Bekämpfung jener antidemokratischen Mentalitäten und rassistisch-sexistischen Alltagspraktiken, also in der Stärkung aller demokratischen Kräfte. Das ist eine Frage der politischen Aufklärung und Bildung, der Mobilisierung der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. Davon ist diese Gesellschaft weit entfernt. Sie müsste ein Bewusstsein vom Skandal alltäglicher rechter Gewalt haben. Doch die Aktivitäten für Demokratiearbeit werden vom Staatsschutz geprüft und überwacht, mit der Extremismusformel den antidemokratischen Kräften gleichgesetzt, die Gelder für Demokratieförderung zusammengestrichen, die Initiativen gegen die Rechte eingeschüchtert. Die CDU oder CSU ruft nicht zu Demonstrationen gegen die Neonazi-Szene auf, sie tritt nicht an die Seite derer, die bedroht werden. Die etatistische Überheblichkeit muss ein Ende haben. Das wäre von den Bürgerlichen zu erwarten: dass sie sich zu den Kräften der Demokratie bekennen, anstatt sie zu diskreditieren. Vermutlich wollen die Antifas das nicht – aber jeden Tag ein Lob aus dem Mund des Bundeskanzlers, ein Verdienstkreuz durch den Bundespräsidenten, Berichte in den Nachrichten über Antifa-Aktivitäten, Talkshows mit Antifa-Aktivist*innen und Expert*innen bei Maischberger, Illner, Miosga, Lanz oder besser noch: eigene Antifa-Gesprächsformate – das ginge schon in die richtige Richtung. Denn einmal sollte es aufhören, dass wir in unseren Gesellschaften mit nationalistischer und rassistischer Gewalt zu tun haben.

Alex Demirović stammt aus einer jugoslawisch-deutschen Familie; der Vater wurde von den Nazis als Zwangsarbeiter verschleppt. Wegen eines politisch motivierten Vetos des hessischen Wissenschaftsministeriums durfte Demirović in Frankfurt nicht Professor werden. Seitdem bewegt er sich an der Schnittstelle von Theorie und Politik. Jeden vierten Montag im Monat streitet er im »nd« um die Wirklichkeit.